Es gibt zahlreiche Erklärungsmodelle für Suchterkrankungen - gemeinsame Grundlage aller ist, dass Sucht immer durch mehrere Faktoren begründet ist. Als Risikofaktoren für Online- und Computersucht gelten folgende individuelle Faktoren: Mangelndes Selbstwertgefühl, ungefestigte Ich-Strukturen, zwanghafte Züge, neurotische Vermeidungs- und Verdrängungsmechanismen. Laut Psychologen besteht nicht selten eine Ko-Morbidität mit depressiven Syndromen. Ist das der Fall, wird die Nutzung des Internets als dysfunktionale Selbstmedikation angesehen. Auch finden sich gehäuft Persönlichkeitsstörungen unter den abhängigen Internetnutzern. Ein Erklärungsmodell fasst Internetsucht grundsätzlich als Störung der Impulskontrolle auf: Menschen, die darunter leiden, können dem Impuls, das Internet exzessiv zu nutzen, nicht widerstehen – auch, wenn diese Nutzung schädlich für sie oder andere ist.
Ein anderer Ansatz sieht die „ interaktiv benutzte Applikation“ als Ersatz realer sozialer Beziehungen und realer Bedürfnisbefriedigung an. „Hoch-interaktive Applikationen“ haben nach Psychologin Kimberly S. Young ein besonders großes Suchtpotential, weil sie eine Flucht in eine virtuelle Welt ermöglichen. Die Schnelligkeit der Reiz-Reaktions-Abfolge von „Erlebnissen“ und „Erfolgen“ schreit nach Wiederholung und Steigerung in „Intensität“ und Schnelligkeit und verringert die Wahrscheinlichkeit des Aufbaus von neuen wirklichen sozialen Kontakten zu anderen Menschen. Die Verbesserung bestehender Kontakte in Richtung auf mehr Lebensqualität und Befriedigung eigener Bedürfnisse wird vernachlässigt. Young ist außerdem der Auffassung, dass einer der Gründe für das Entstehen einer Abhängigkeit im sozio-kommunikativen Aspekt der „Chats“ und „Muds“ liegt, da durch die computervermittelte Kommunikation verschiedene menschliche Gefühle und Bedürfnisse stark angesprochen würden. Im Cyberspace besteht die vereinfachte Möglichkeit, persönlichen Bedürfnissen nachzukommen, die in der Realität nicht ohne erheblichen persönlichen Einsatz befriedigt werden würden. Diese Bedürfnisse lassen sich in fünf Kategorien einteilen:
- Auslebung sexueller Fantasien
- Soziale Unterstützung und Gruppengefühl
- Anerkennung und Macht
- Auslebung unterdrückter Emotionen
- Identitätsspiel
Der klinische Psychologe Dr. John Suler erklärt den Prozess der Entstehung von Online- und Computersucht, genauer der Hauptform Kommunikationssucht, anhand der Maslowschen Bedürfnishierarchie. Beim Chatten werden Bedürfnisse auf allen Hierarchiestufen befriedigt. Auf der untersten Stufe sexuelles Verhalten, z.B. flirten im Chatroom, auf der zweiten Stufe Kontakt, Gemeinschaftsgefühl und Anerkennung, auf der dritten Stufe Lernen und Selbstwertgefühl, auf der höchsten Stufe sogar die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Die Implikation dieses Modells ist, dass viele Menschen im Internet gewisse Bedürfnisse zum ersten Mal ausleben können. Dies kann verstärkend wirken und aus diesem Grund können unbefriedigte Bedürfnisse im realen Leben von Personen deren Internetsucht fördern.


