Fallbeispiele

Auf dieser Seite lesen Sie das Fallbeispiel eines jungen Mannes, der in unserer Abteilung für Psychosomatik behandelt wurde.

 

Zur Aufnahme kam Rainer J., 28 Jahre alt (Name geändert), mit den Aufnahmediagnosen „Abnorme Gewohnheiten & Störungen der Impulskontrolle F 63“ und „Persönlichkeitsstörung F 60.1“ zu einer 4-wöchigen Rehabilitationsbehandlung in die hiesige Psychosomatische Abteilung.

 

Symptomatik

Der Patient surft 20 von 24 Stunden/Tag im Internet. Es lag ein völlig gestörter Tag-/Nacht- Rhythmus, Schlafstörung (nur 2 Stunden Schlaf am Stück möglich), ein reduzierter Allgemeinzustand, die Vernachlässigung der persönlichen Hygiene und unentschuldigtes Fehlen am Arbeitsplatz vor. Der Nervenarzt leitete eine Krankschreibung und die Rehabehandlung in die Wege. Der Arbeitgeber unterstützte die Maßnahme und sah über 2-wöchiges, unentschuldigtes Fehlen hinweg.

 

Suchtanamnese

Im 11. Lebensjahr auf C 64 verschiedene Programme probiert, im 13. Lj. auf Amiga 500 Spielsimulationen, ca. 3 Std./Tag, im 15. Lj. auf Amiga 1200 Spiele mit „besserer Grafik“, im 17. Lj „am Computer (Playstation) gesessen, solange es ging“, bis 6 Std./Tag, am Wochenende 10 Std./Tag, im 23. Lj. Playstation 2 Autorennen, Kung Fu-Spiele, 4h/Tag, am Wochenende „so lange es ging“, danach PC mit 1600 Mhz- Technik, kompliziertere Strategiespiele mit Chatelementen, nur 4 Stunden Schlaf/24 h, im August „Schlaffheitsgefühl“, „Ausgebrannt-Sein“, Wahrnehmung von Wut auf den Computer und auf sich selbst, Demontieren des Computers und Bitte an die Mutter die Teile abzuholen, Teilnahme an einer Geburtstagsfeier mit dem erstmaligen Gefühl wieder dazuzugehören zur realen Welt, am Folgetag Verschenken der Computerbestandteile, bereits wenige Tage später Beginn der Rehamaßnahme. Im psychopathologischen Querschnittsbefund zeigte der Patient ein leichtes bis mittelschweres depressives Syndrom, es bestanden schizoide Persönlichkeitsanteile.

 

Biografie

Scheidung der Eltern, als der Patient 5 Jahre alt war, Wegzug der Mutter aus der Heimatregion in Ostdeutschland, keine qualifizierte Berufsausbildung mit folgender Arbeitslosigkeit, mit 21 Jahren Umzug des Patienten ebenfalls an den Wohnort der Mutter und Verlust des bisherigen Bekanntenkreises, dort nur wenige neue Bekannte, diese mit ebenfalls auffälligem Nutzungsverhalten, keine Paarbeziehung.

 

Behandlungskonzept

Abstinenz gegenüber elektronischen Geräten, Intensive Psychotherapeutische Einzelbehandlung (u. a. Psychoeducation), Psychotherapeutische Gruppenbehandlung 2 x wöchentlich, Indikative Gruppe Depression, Sporttherapie in Form von Nordic Walking, Schwimmen, Med.-Geräte-Training, Kunsttherapie, Ergotherapie, Entspannungstherapie, Tanztherapie, Physikalische Anwendungen. Wichtig war die Ermutigung und Förderung von persönlichen Kon-takten zu Mitpatienten in der Therapiegruppe und darüber hinaus. Mit etlichen entwickelte er auch gemeinsame Freizeitaktivitäten. Es gelang ihm ansatzweise, auch mit eigenen Gefühlen in Kontakt zu kommen und über sie zu sprechen. Von besonders großer Bedeutung war die Teilnahme an unserem sporttherapeutischen Programm, wo Rainer J. Erfolgserlebnisse haben konnte und wieder ein Gefühl für den eigenen Körper und für seine persönlichen Möglichkeiten und Grenzen entwickelte. Ebenfalls sehr wichtig war das Erlernen einer Entspannungstechnik (PMR nach Jacobson).

 

Behandlungsergebnis

Der Patient konnte deutlich psychisch und physisch stabilisiert bereits nach 4 Wochen entlassen werden; an seinem Arbeitsplatz wurde er stufenweise wieder eingegliedert. Es wurde ein durchgehender Nachtschlaf von 5 Stunden berichtet, die „schwarzen Ränder“ unter den Augen waren nicht mehr beobachtbar. Er wirkte in die Zukunft gewandt, kontaktfreudiger und optimistisch, auch verbal klar sich abgrenzend gegenüber einem weiteren Suchtmittel-(Computer-)gebrauch. Im ausführlichen Abschlussgespräch berichtet er, die Rehabehandlung habe ihm sehr gut getan, er habe einerseits gelernt sich zu ent-spannen, andererseits auch seinen Körper wieder aktiv zu spüren und zu trainieren. Freizeitinteressen wie etwa Schachspiel gegen einen realen Partner, tanzen, Gespräche führen habe er neu bzw. wieder entdeckt. Es sei ihm relativ leicht ge-fallen über sein Problem zu sprechen, da auch Mitpatienten sich geöffnet hätten und er sich in der Reha nicht mehr als einziger Mensch mit Problemen hätte fühlen müssen. Er denke daran, sich in nächster Zeit wieder eine Lebenspartnerin zu suchen, empfinde sich selbst wieder als aktiver und unternehmungslustiger, und habe auch wieder eine positivere Einstellung zur eigenen Person gewonnen. Es sei ihm klar geworden, dass sein Suchtverhalten auch mit seiner bisherigen Kontaktarmut zusammenhänge, diese wolle er überwinden und sich einen Freundeskreis an seinem Heimatort aufbauen. Empfohlen wurde auch eine Weiterführung der Psychotherapie am Wohnort.

 
 

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